12.03.2018

Setzen, sechs! Wenn das Arbeitszeugnis zum Streitfall wird

Natürlich gehören Ihre Schulzeugnisse noch immer in die Bewerbungsmappe für den neuen Job, doch nach ein paar Jahren Berufserfahrung zählen vor allen Dingen Ihre Leistungen am Arbeitsplatz! Und die spiegelt das Arbeitszeugnis wider. Aber was ist, wenn Ihr alter Chef Sie nicht leiden kann und das in die Bewertung einfließen lässt? Die gute Nachricht heißt: Sie haben Rechte! Und die gilt es einzufordern …

Laut Gewerbeordnung muss ein Arbeitszeugnis sowohl wahr sein als auch wohlwollend. Das heißt, dass Kritik eigentlich verboten ist. Aber was genau zählt als Kritik? Die Zeugnissprache kennt gewisse Formulierungen, die versteckte Negativbewertungen enthalten, obwohl sie zunächst einmal gut klingen. Wer den „Geheimcode“ durchschaut, kann sein Zeugnis besser einordnen. Und das fängt schon bei den Noten an.

Der Notencode: Was ist was auf Zeugnisdeutsch?

An die Formulierung „Er/sie erfüllte seine/ihre Aufgaben …“ schließt sich immer eine Bewertung an, die sich exakt in eine Schulnote übersetzen lässt:

  • „… stets zur vollsten Zufriedenheit“ bedeutet „sehr gut“, also Note 1.
  • „… zur vollsten Zufriedenheit“ oder „stets zur vollen Zufriedenheit“ ist „gut“, Note 2.
  • „… zur vollen Zufriedenheit“ steht für „befriedigend“, das ist Note 3.
  • „… zur Zufriedenheit“ ist nur „ausreichend“, also Note 4.
  • „… im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit“ bedeutet „mangelhaft“, Note 5.
  • „… Er/sie hat sich bemüht“ ist die schlechtestmögliche Beurteilung: „ungenügend“, Note 6.

 

Übrigens: Arbeitszeugnisse müssen mindestens „befriedigend“ sein, eine schlechtere Bewertung muss der Arbeitgeber begründen.

Vorsicht bei diesen Formulierungen!

Was ebenfalls nicht in einem Arbeitszeugnis stehen sollte, sind verklausulierte Botschaften, die Sie schlecht dastehen lassen. Hier darf man sich von schönen Worten nicht täuschen lassen – bei mehreren Deutungsmöglichkeiten ist meist die schlechteste davon gemeint und wird vom potenziellen neuen Arbeitgeber auch so verstanden. Wenn Sie also den Verdacht haben, dass Ihnen ein schlechtes Arbeitszeugnis untergejubelt wird, achten Sie einfach auf Formulierungen wie diese:

„Er hat alle Arbeiten mit großem Eifer erledigt.“
Tja, leider reicht Fleiß und Interesse nicht, wenn man es nicht hinkriegt …

„Sie erledigte alle Aufgaben, die wir ihr übertrugen, pflichtbewusst und ordnungsgemäß.“
Aber leider nur diese Aufgaben. Eigeninitiative? Fehlanzeige!

„Er verstand, alle Aufgaben stets mit Erfolg zu delegieren.“
Weil er nämlich zu faul war, selbst einen Finger krumm zu machen …

„Sie bewies Einfühlungsvermögen für die Belange der Belegschaft.“
Indem sie heftig flirtete, evtl. sogar eine Affäre am Arbeitsplatz hatte?

„Er arbeitete mit größter Genauigkeit.“
Weil er nämlich kleinkarierter ist!

„Sie zeigte im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten eine erfrischende Offenheit.“
Mit anderen Worten: Sie ist vorlaut, frech und absolut respektlos.

„Durch seine gesellige Art trug er zur Verbesserung des Betriebsklimas bei.“
Achtung, Alkoholproblem!

„Sie trat engagiert für die Interessen der Kolleginnen und Kollegen ein.“
Vorsicht, gewerkschaftlich organisiert, vielleicht sogar im Betriebsrat!

„Er verfügt über Fachwissen und gesundes Selbstvertrauen.“
Will sagen: Er findet sich selbst supertoll und ist entsprechend überheblich.

„Wir wünschen ihr alles Gute, besonders Erfolg und Gesundheit.“
Denn das kann sie brauchen – kränkelnd und erfolglos, wie sie ist …

Das macht ein gutes Arbeitszeugnis aus

  • Es ist formell korrekt – auf ungelochtem Firmenpapier in DIN-A4 – und mit „Arbeitszeugnis“ überschrieben. Die Unterschrift des Chefs darf nicht krakeliger als sonst sein, denn auch das könnte eine versteckte Botschaft enthalten!
  • Es wurde auf den letzten Tag Ihres Arbeitsverhältnisses datiert (ganz gleich, welcher Wochentag das ist).
  • Es ist nicht nur ein „einfaches“, sondern ein „qualifiziertes Arbeitszeugnis“, das auch über Ihre Leistungen und Ihr Verhalten etwas aussagt.
  • Es enthält außerdem eine Tätigungsbeschreibung, den Grund für das Ende des Arbeitsverhältnisses sowie eine angemessene Schlussformel mit Zukunftswünschen.
  • Es ist weder zu knapp gehalten noch übertrieben ausführlich. Es enthält auch keine Selbstverständlichkeiten, wie dass Sie übliche PC-Programme beherrschen oder sich Kunden gegenüber korrekt verhalten.
  • Und last, but not least: Sie bekommen es zeitnah, das heißt, man lässt Sie nicht länger als 2 bis 3 Wochen auf das Arbeitszeugnis warten!

Schlechtes Arbeitszeugnis? Was Sie tun können:

Klar ist: Sie müssen eine schlechte Beurteilung nicht akzeptieren, denn Sie haben das Recht auf ein Arbeitszeugnis, das fair und wahrheitsgemäß ist. Falls Sie mit Ihrem Zeugnis nicht zufrieden sind, haben Sie folgende Möglichkeiten:

Reden

Vielleicht hat sich der Chef gar nichts Böses bei den für Sie kritischen Formulierungen gedacht? Sprechen Sie ihn am besten offen an – möglichst zeitnah – und bitten Sie konkret um Korrektur!

Frist setzen

Das Gespräch hat nichts gebracht? Dann können Sie eine schriftliche Nachbesserung verlangen, am besten mit einer Frist.

Zum Anwalt gehen

Ein Experte für Arbeitsrecht kann helfen, Ihr Anliegen gegenüber dem ehemaligen Arbeitgeber zu vertreten oder Klage einzureichen. Hier macht sich natürlich eine Rechtsschutzversicherung bezahlt.


Dieser Blog-Beitrag wurde von unserer Partnerkanzlei Alege auf rechtliche Korrektheit überprüft.