12.03.2018 – zuletzt aktualisiert am: 27.09.2021

Wildunfall: Was tun? Wie verhalte ich mich richtig?

Schon in der Fahrschule wird trainiert, was beim Wildwechsel zu tun ist. Doch dann passiert es in echt: Plötzlich steht im Scheinwerferlicht ein Reh und macht das Ausweichen unmöglich. Was ist bei einem Wildunfall zu tun? Muss ein Wildunfall gemeldet werden? Übernimmt die Versicherung den Wildschaden?

Was ist ein Wildunfall?

Nicht immer handelt es sich bei einem Zusammenprall mit einem Wildtier um einen Wildunfall. Grund dafür ist, dass in Deutschland zwischen Wildtieren und wild lebenden Tieren unterschieden wird. Somit gelten laut § 2 Tierarten des Bundesjagdgesetz alle zur Jagd freigegeben Landwirbeltiere, also Säugetiere und Vögel, als Wild. Hier unterscheidet man nochmal zwischen Haar- und Federwild. Hat man einen Unfall mit einem Haarwildtier, gilt das als Wildunfall. Der entstandene Schaden wird entsprechend als Wildschaden bezeichnet. Unfälle mit sogenanntem Federwild oder mit Nutztieren zählen hingegen nicht zu den Wildunfällen.

Zum Haarwild nach dem Bundesjagdgesetz zählen unter anderem:

  • Rehe und Hirsche
  • Wildschweine
  • Murmeltiere, Hasen und Kaninchen
  • Luchsarten
  • Füchse und Marder
  • Wisente, Elche
  • Fischotter und Seehunde


Wildunfallstatistik: Wie häufig sind  Wildunfälle in Deutschland?

Im Jahr 2019/2020 kam es laut der Wildunfallstatistik des Deutschen Jagdverbandes zu über 237.000 Wildunfällen auf deutschen Straßen – damit stieg die Zahl der Wildunfälle erneut zum Vorjahr. Statistisch betrachtet, passieren die meisten Zusammenstöße mit Rehen und Wildschweinen.

Lässt sich ein Wildunfall vermeiden?

Aufgrund der steigenden Wildunfälle ist es kein Wunder, dass viele Autofahrer diese Schrecksekunde kennen, in der plötzlich ein Reh oder gar ein Wildschwein im Scheinwerferlicht auftaucht. Doch es gibt einige Hinweise, anhand derer sich Wildunfälle vermeiden lassen können:

Die Tageszeit: Gefahr in der Morgen-und Abenddämmerung

Wildunfälle häufen sich besonders in der Dämmerung – und zwar am Abend wie am Morgen, aber auch bei Nacht und Nebel droht Gefahr. Herbst und Winter sind besonders gefährliche Jahreszeiten, doch auch im Frühling, wenn sich die Tiere in der Brunft befinden, häufen sich die Unfälle. Zu diesen Tageszeiten sollten Verkehrsteilnehmer besonders vorsichtig fahren.

Die Wegstrecke: Wald- und Feldränder sowie Waldgebiete

Besonders Straßen, die durch die freie Natur führen, sind Schwerpunkte in Sachen Wildunfall. In Wald- und Landschaftsgebieten werden daher häufig Wildwechsel-Verkehrszeichen aufgestellt, die auf die Gefahr durch Wildwechsel hinweisen. Auf solchen Strecken sollten Fahrer vorsorglich langsamer fahren, um Wildunfälle zu vermeiden.

Wild steht am Straßenrand: Was tun?

Wildtiere können die Geschwindigkeit von Fahrzeugen nicht einschätzen und warten daher nicht, bis das Fahrzeug vorbeigefahren ist. Demnach müssen Verkehrsteilnehmer damit rechnen, dass das Tier am Straßenrand sofort auf die Straße springen kann. Folgendes Verhalten ist richtig, wenn ein Wildtier am Straßenrand gesichtet wird:

  • Bremsen und stehen bleiben: Spring das Tier auf die Straße, kann ein Zusammenprall vermieden werden
  • Fernlicht ausschalten: Das Wildtier könnte vom Licht geblendet werden, wodurch es stehen bleibt.
  • Hupen: Durch den Lärm wird das Tier in den meisten Fällen verscheucht.

 

Achtung: Ein Wildtier ist meist nicht allein unterwegs. Oft folgen ihm weitere Artgenossen.

Richtiges Verhalten bei einem Wildunfall: bremsen, draufhalten oder ausweichen?

Doch was ist, wenn ein Wildunfall nicht mehr zu vermeiden ist und schnell reagiert werden muss? Die meisten Menschen möchten kein Wildtier überfahren und haben deshalb meist schon im Vorfeld darüber nachgedacht, wie sie sich im Fall der Fälle verhalten sollen. Aber in Echtzeit bleibt keine Zeit mehr zum Nachdenken, eine schnelle Reaktion ist gefragt! Doch jede Reaktionsmöglichkeit hat ihre Vor- und Nachteile:

  • Bremsen: Sollte man bei Wild bremsen oder nicht? Es besteht das Risiko, dass das Auto bei einer Vollbremsung ins Schleudern gerät. Außerdem könnte der Hintermann auf das Fahrzeug auffahren. Bremsmanöver sind also nur dann empfehlenswert, wenn man sich selbst und andere Verkehrsteilnehmer nicht gefährdet.
  • Draufhalten: Gerade bei größeren Tieren wie einem Reh oder einem Wildschwein besteht die Gefahr, dass das Tier sich stark verletzt und im Falle der Kollision schwere Schäden am Auto verursacht. Dabei sterben nicht nur zahlreiche Wildtiere – oft sind sogar Menschenleben in Gefahr, wenn das Tier auf die Windschutzscheibe prallt.
  • Ausweichen: Hier besteht die Gefahr, dass ausweichende Autofahrer in den Gegenverkehr geraten und dadurch eine Massenkollision verursachen. Oder der Verkehrsteilnehmer verliert die Kontrolle über das Fahrzeug und prallt gegen einen Baum.


Zusammengefasst: Es gibt keine ideale Verhaltensweise. Doch kontrollierte Brems- oder Ausweichmanöver scheinen in der Tendenz weniger schlimme Folgen zu haben als das früher so oft empfohlene Draufhalten.

Verhalten nach einem Wildunfall: Was tun, wen anrufen und wo melden?

Eine Kollision konnte nicht mehr vermieden werden und das Wild wurde angefahren? Doch was tun nach einem Wildunfall und wer sollte kontaktiert werden?

So reagieren Verkehrsteilnehmer richtig, um sich und andere nicht zu gefährden:

1. Ruhe bewahren und Unfallstelle sichern: Das gilt auch, wenn das Tier bereits geflüchtet ist. Hierfür die Warnblinkanlage einschalten, die Warnweste anziehen und das Warndreieck in einem ausreichenden Abstand abstellen.

2. Verletzte Personen: Die 112 wählen und den Verletzten erste Hilfe leisten.

3. Polizei verständigen: Auch wenn niemand verletzt ist, muss die Polizei verständigt werden, um den Wildunfall zu melden.

4. Jäger bzw. Förster kontaktieren: Zusätzlich zu der Polizei sollte noch der zuständige Jäger oder Förster kontaktiert werden. Oft übernimmt dies auch zeitgleich die Polizei.

5. Tier nicht anfassen: Verletzte Tiere sollten nicht angefasst werden, da diese sich wehren könnten. Tote Tiere sollten wegen eventueller Krankheiten oder Parasiten nur mit Handschuhen angefasst und zum Straßenrand gezogen werden, um Folgeunfälle zu vermeiden.

6. Wildunfallbescheinigung: Diese wird in der Regel vom Jäger bzw. Förster ausgestellt und kann anschließend an die Versicherung übermittelt werden.


Nach dem Wildunfall: Beweise sammeln

Die Beweispflicht für einen Wildunfall liegt immer beim Fahrer. Eine Kollision mit einem großen Wildtier hinterlässt meist deutliche Spuren an der Karosserie des Fahrzeugs. Ein Unfall, dessen Ursache ein Hase ist, der die Straße überquert hat, ist hingegen schwieriger auf das Wildtier zurückzuführen. Geeignete Maßnahmen zur Beweissicherung sind:

  • Fotos von der Unfallstelle und den Schäden am KFZ: Wenn das Tier nicht überlebt hat, sollte es ebenfalls fotografiert werden.
  • Unfallprotokoll: Das im Idealfall von der verständigten Polizei erstellte Protokoll hilft ebenfalls bei der Regulierung der Schäden.
  • Wildschadensbestätigung: Polizisten und Jagdpächter können eine sogenannte Wildschadensbestätigung ausfüllen, die die Beweisführung für geschädigte Autofahrer erleichtert.

 

Wichtig: Unfallspuren am Fahrzeug wie zum Beispiel Haare, Blut oder Kratzer sollten erst beseitigt werden, wenn die Versicherung das Fahrzeug begutachtet hat.

Wildunfall: Polizei nicht gerufen – Ist das Fahrerflucht?

Nach dem Wildunfall die Polizei nicht gerufen? Aber gibt es eine Wildunfall-Meldepflicht?

Nach der Sicherung der Unfallstelle muss der Wildunfall gemeldet werden. Wer nach dem Wildunfall einfach wegfährt, begeht zunächst laut §142 Strafgesetzbuch keine Fahrerflucht. Allerdings wird die Flucht als Verstoß gegen §1 Tierschutzgesetz bewertet, weil diese eine Ordnungswidrigkeit darstellt und somit mit einem Bußgeld geahndet werden kann. Wildunfälle müssen also in jedem Fall gemeldet werden, da sonst Sanktionen drohen können.

Lediglich kleinere Tiere wie Igel, Eichhörnchen oder kleine Vögel sind nicht meldepflichtig. Überfahrene Wildtiere dürfen ebenfalls nicht mit nach Hause genommen werden, weil dies laut § 292 Strafgesetzbuch als Wilderei angesehen und dementsprechend bestraft wird.

Kann ich den Wildunfall nachträglich melden?

Grundsätzlich kann man einen Wildunfall nachträglich melden. Allerdings könnten Verstöße gegen das Tierschutzgesetz oder Landesjagdgesetz Strafen nach sich ziehen. Daher sollte der Wildunfall kurz nach dem Ereignis gemeldet werden.

Wildunfall: Wer zahlt den Wildschaden?

Klar, Hase und Hirsch haben keine eigene Versicherung. Daher sind Wildunfallschäden am Fahrzeug durch die Teilkaskoversicherung abgedeckt – aber nur, wenn es sich um sogenanntes Haarwild handelt (Hirsche, Wildschweine, Rehe, Füchse oder Hasen).

Schäden durch große, frei lebende Vögel wie zum Beispiel Schwäne oder Fasanen sind nicht immer über die Teilkasko abgedeckt; eine bei einem Vogelunfall beschädigte Windschutzscheibe wird hingegen ersetzt. Folgeschäden, die zum Beispiel nach einem Ausweichmanöver durch einen Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug entstehen, sind nicht immer durch die Teilkasko abgedeckt – eine Ausnahme kann aber eine sogenannte Rettungsmaßnahme beim Ausweichen vor großen Tieren darstellen.

Vollkaskoversicherungen hingegen zahlen immer für die entstandenen Wildschaden am Auto – also auch bei einem Wildunfall. Doch wird nach einem Wildunfall die Versicherung hochgestuft? Versicherte Autofahrer müssen damit rechnen, dass die Regulierung des Wildschadens zu einer ungünstigeren Schadensklasse führt und künftig mehr Geld für die Vollkaskoversicherung bezahlt werden muss.

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Ob Verkehrsunfall oder Ärger mit der Werkstatt: Schnell kann aus einer Kleinigkeit ein kostspieliges Verfahren werden. Setzen Sie in solchen Fällen auf die zuverlässige Verkehrsrechtsschutz.

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Müssen Schadensersatzsprüche gegen den Jäger und Pächter geleistet werden?

Grundsätzlich müssen keine Schadensersatzansprüche gegen den Jäger und Waldbesitzer geleistet werden, da das Tier herrenlos ist und somit kein Eigentumsrecht des Jagdausübungsberechtigten verletzt wurde.
Wenn allerdings versäumt wird, einen Wildunfall zu melden und dadurch verwertbares Wildbret verdirbt, kann ein Anspruch auf Schadensersatz zugunsten des Pächters bestehen. Zudem sind Schäden am Grundstück des Jagdpächters infolge eines Wildunfalls schadensersatzfähig.


Dieser Blog-Beitrag wurde von unserer Partnerkanzlei VETO Rechtsanwaltsgesellschaft mbH auf rechtliche Korrektheit überprüft.